• Heil färbt ab

    Haben Sie schon mal Rote Beete verarbeitet oder bei der Ernte von Walnüssen deren grüne Außenhülle angefasst? Dann haben Sie rote Finger bekommen oder braune. Zumindest sofern Sie keine Handschuhe benutzt haben. Insbesondere der Farbstoff von Walnüssen ist hartnäckig. Wer versäumt hat, Handschuhe anzuziehen, findet im Internet vielfältige Tipps, wie man die Hände wieder sauber bekommt.

    Aber hier geht es nicht darum, wie man solche Flecken entfernt. Doch bitte lesen Sie trotzdem weiter, auch wenn Sie nur nach Omas Hausmittel gegen Walnusshände gegoogelt haben! Es könnte sich lohnen. Denn je nachdem, was abfärbt, kann dieser Effekt auch etwas sehr Schönes sein. Und das ist noch stark untertrieben.

    „Heil färbt ab!“ Diese Worte stehen so nicht in der Bibel, aber sie muten dennoch irgendwie biblisch an, finde ich. Sie sind mir „unbewusst“ entschlüpft, als ich im Rahmen einer Prüfung frei gepredigt habe. Ich konnte mich nicht daran erinnern, diese Worte gesagt zu haben, aber die Protokollantin fand sie notierenswert und hat mich anschließend darauf angesprochen. Diese Situation kam mir jüngst wieder in den Sinn.

    Die Worte beschreiben, was passieren kann, wenn Menschen Jesus begegnen. Man spürt es an sich selbst, aber vielleicht fällt es Außenstehenden zuerst auf, die jemanden eine Zeit lang nicht gesehen haben. So hat die Frau eines ehemaligen Kollegen von Simon Petrus und Andreas (ihr Name ist mir gerade entfallen) abends bei Tisch zu ihrem Mann gesagt: „Als ich heute auf dem Markt war, um die Fische zu verkaufen, habe ich Simon und Jakobus gesehen. Sie wirkten irgendwie verändert. Äußerlich sahen sie aus wie früher, aber dennoch irgendwie verwandelt. Als ob aus ihnen etwas leuchtet.“

    Naja, so könnte es sich zumindest zugetragen haben, und so etwas passiert bis heute immer wieder und ist nicht auf Jesu Zeitgenossen beschränkt, die ihm persönlich begegnet sind. Mein ehemaliger Klavierlehrer z. B., ein eher zurückhaltender, aber fröhlicher, frommer Mensch, mit dem ich mich aber nie über den Glauben unterhalten habe, war jemand, bei dem man gern war. Bei ihm fühlte man sich wohl, weil von ihm eine fröhliche Zuversicht ausging. Eine Zuversicht, die aus seinem Glauben gespeist war. Von ihm hat das Heil auch abgefärbt, und ich bin mir nicht sicher, ob er sich dessen überhaupt bewusst war. 

    Mit solchen Nebenwirkungen muss man rechnen, wenn man Jesu Aufruf „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ beherzigt und sich traut, sein Leben von dieser frohen und befreienden Botschaft bestimmen zu lassen.

    Und wie wäre es denn, wenn das auch mir passieren würde?

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  • Erster Schritt

    Und wenn ich mir zunächst nur vorstellte

    Mich trauen, dich zu bitten mir geschehe,

    Was ich nicht wünsche und doch ahne,

    Dass heimlich ich’s ersehne:

    Meine Netze aus Gewohntem und Bequemem

    Liegen zu lassen auf dein

    Kommt her, mir nach!

    An mich.

    Simon Helms, 23. Februar 2026

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  • Sturmstillung

    Habt ihr noch keinen Glauben?

    in meine Ängste gesprochen

    empört mich und weckt

    Sehnsucht mich ganz zu verlassen

    auf Dich.

    Simon Helms, 23. März 2022

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  • Gegenwart

    Quillst mir entgegen

    Aus dem Spalt des Augenblicks.

    Bist immer da und lässt mich staunen:

    Woher kommst Du?

    Wenn ich lange still in Dir verweile,

    Ahne ich, mir erst verborgen, Deinen Raum.

    Umschauen möcht ich mich und ihn erkunden.

    Gott, nur dort begegn‘ ich Dir.

    Simon Helms, 6. August 2021

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  • Gott etwas abringen?

    Jakobs Kampf am Jabbok (Gen 32, 23-32) – ja, dazu werde ich unbedingt auch mal was schreiben! Und das dürfte mir auch ganz leicht von der Hand gehen. Ist ja schließlich „meine“ Geschichte. So ungefähr hatte ich mir das vorgestellt – es kam anders.

    Mehrere vergebliche Versuche. Immer mal wieder ein Beginn, um ihn dann kurze Zeit später zu verwerfen. Vielleicht soll es einfach nicht sein? Besser, ich schreib über was anderes. Aber einen Bogen um die Erzählung machen? Nein!

    Warum habe ich mich so schwer getan? Mein innerer Impuls, mich gerade an dieser Erzählung zu versuchen, ist besonders ausgeprägt. Und an Zeit und Muße, über die Erzählung nachzudenken und mit ihr schwanger zu gehen, hat es mir auch nicht gefehlt. Es ist wohl so: Die Erzählung ist für mich einfach sehr persönlich aufgeladen, vielleicht sogar zu sehr. Und so sei das Folgende auch verstanden: als mein ganz persönlicher Zugang zu dieser Geschichte, anknüpfend an eine nicht schöne, aber intensive Gottes-Erfahrung. Ich teile diese Erfahrung gern, weil ich so etwas wohl selbst gern lesen würde und mir vorstelle, dass jemand ähnliche Erfahrungen gemacht hat oder einmal machen wird.

    Vor Jahren wies mich ein Dominikanerpater auf diese Erzählung von Jakobs Kampf am Jabbok hin, um eine Erfahrung, die ich mit Gott gemacht hatte, besser einordnen zu können. Seitdem ist diese Geschichte für mich einerseits verknüpft mit unschönen, ja ziemlich finsteren Erinnerungen, die – Gott sei Dank! – heute verblasst sind. Andererseits und vor allem verknüpfe ich die Erzählung mit einem stark gewachsenen, tiefer gewordenen Gottvertrauen und mit großer Dankbarkeit.

    Die Erzählung spielt an einer Furt des Flusses Jabbok, der ein tief eingeschnittenes Tal durchfließt. Nachdem Jakob seinen Zwillingsbruder Esau um das Erstgeburtsrecht betrogen hatte und vor ihm geflohen war, kehrt er nach langer Zeit in seine Heimat zurück. Er fürchtet sich vor der Begegnung mit seinem Bruder. Ist Esau immer noch zornig? Sinnt er auf Vergeltung? Wird er ihn friedlich stimmen können? Was bedeutet es, dass Esau ihm mit 400 Mann entgegenzieht?

    In derselben Nacht stand er auf, nahm seine beiden Frauen, seine beiden Mägde sowie seine elf Kinder und durchschritt die Furt des Jabbok. Er nahm sie und ließ sie den Fluss überqueren. Dann schaffte er alles hinüber, was ihm sonst noch gehörte. Als er allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er ihn nicht besiegen konnte, berührte er sein Hüftgelenk. Jakobs Hüftgelenk renkte sich aus, als er mit ihm rang. Er sagte: Lass mich los; denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Er entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Er fragte ihn: Wie ist dein Name? Jakob, antwortete er. Er sagte: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel – Gottesstreiter – ; denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und gesiegt. Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen! Er entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort. Jakob gab dem Ort den Namen Peniël – Gottes Angesicht – und sagte: Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch mit dem Leben davongekommen. Die Sonne schien bereits auf ihn, als er durch Peniël zog; er hinkte an seiner Hüfte. (Gen 32, 23-32)

    Merkwürdig, wie Jakob zunächst mit einem „Mann“ ringt, der ihn nicht besiegen kann, und mit ihm bis zur Morgenröte so lange weiter ringt, bis er schließlich von ihm gesegnet wird. Für Jakob war es Gott, mit dem er gerungen und der ihn gesegnet hat.

    Aber hat Jakob Gott tatsächlich den Segen abgerungen? Muss ein barmherziger Gott erst zum Segnen gezwungen werden? Mit wem hat Jakob gerungen? Die Erzählung wirft Fragen auf und lässt Deutungsspielraum.

    Als es mir damals schlecht ging und ich mich in bedenklicher mentaler Schieflage befand, fragte ich mich: Sieht Gott denn nicht, wie schlecht es mir geht? Er soll mir doch endlich helfen! Ich habe versucht, mit Gott zu rechten. Vorwürfe habe ich ihm gemacht und mich sogar von ihm abgewendet oder zumindest so getan – und doch nur, um ihn zu einem Eingreifen zu provozieren. Und im selben Moment: Wie benimmst Du Dich gegenüber Gott! Das gehört sich nicht! Gedanken, die mich noch zusätzlich begleiteten und auch belasteten. Aber irgendwie fühlte ich mich so, als könnte ich nicht mehr viel verlieren. Und auch wenn ich Gott innerlich vorwurfsvoll gefragt habe „Ist da jemand?“, so hätte ich diese Frage doch in jedem Augenblick mit „ja“ beantwortet.

    Es war ein intensives Ringen mit hohem Einsatz, von dem ich doch tief im Inneren überzeugt war, dass es etwas bewirken, ja dass es nicht vergebens sein würde. So sehe ich es zumindest in der Rückschau. Ich hielt es für notwendig, Gott an mich und an seine Zusage gegenüber mir zu erinnern. Ist Gott nicht der, der mich bedingungslos liebt und zu mir hält?

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  • Umarmt

    Umarmt von verschwenderischer Liebe

    mag ich mich selbst

    umarmen in der Vergangenheit

    Wunden heilen

    Simon Helms, 7. Oktober 2020

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  • Unendliche Welt

    Gibt es das – eine unendliche Welt? Wie würden Kosmologen diese Frage wohl beantworten? Und nur mal angenommen, Ihre Antwort wäre tatsächlich „ja“, also das Universum wäre zeitlich und räumlich unendlich, hätte das für mich eine besondere Bedeutung? Nein! Wie es um die Endlichkeit des Universums bestellt ist, das hat keine Auswirkungen auf mein alltägliches Leben. Das betrifft mich nicht, ist für mich irrelevant. Was mein Leben bestimmt, sind die alltäglichen kleinen und großen Herausforderungen, die Sorge um meine Lieben in der aktuellen Corona-Krise, aber auch die schönen Augenblicke, die Freuden, Hoffnungen und Sehnsüchte.

    Ganz anders aber wäre es, wenn mein Dasein unendlich wäre. Unendlich leben, nicht sterben müssen – das will ich! Aber so ist es nun einmal nicht. Und wenn ich länger darüber nachdenke, leuchtet es mir auch ein, dass ich nicht unendlich leben kann. Wenn niemand stirbt, würde es z. B. irgendwann ziemlich eng auf der Erde. Wie wertvoll wäre mir ein Augenblick, wenn ich wüsste, dass mein Erdendasein niemals endet? Ist es nicht gerade seine Begrenztheit, die es wertvoll und schätzenswert macht? Das ist eine Form von Angebot und Nachfrage. Was knapp und begrenzt ist, steigt im Wert. Und dennoch ist diese Einsicht eher ernüchternd und wenig tröstlich. Meine Sehnsucht nach Unendlichkeit bleibt.

    Vielleicht ist das ein Grund, weshalb mich ein Zitat von Edith Stein so fasziniert. Ein Glaubenszeugnis der besonderen Art, dessen Worte mir so wichtig geworden sind, dass ich sie mir, vor Jahren aus einem Zeitungsartikel ausgeschnitten, regelmäßig durchlese und über sie nachsinne:

    „Es ist eine unendliche Welt, die sich ganz neu auftut, wenn man einmal anfängt, statt nach außen nach innen zu leben. Alle Realitäten, mit denen man vorher zu tun hatte, werden transparent, und die eigentlich tragenden und bewegenden Kräfte werden spürbar. Wie belanglos erscheinen die Konflikte, mit denen man vorher zu tun hatte! Und welche Fülle des Lebens mit Leiden und Seligkeiten, wie sie die irdische Welt nicht kennt und nicht begreifen kann, fasst ein einziger, nach außen fast ereignisloser Tag eines gänzlich unscheinbaren Menschendaseins!“

    Ich scheue mich etwas, diese Worte zu kommentieren, geschweige denn zu erklären. Meisterhaft wie Edith Stein etwas ins Wort zu bringen vermag, wäre es so, als würde man versuchen, einer Komposition von Mozart noch Noten hinzuzufügen. Aber bedarf so ein Glaubenszeugnis überhaupt einer Erklärung? Sollte ich mich dennoch fragen, was das für eine „unendliche Welt“ ist, von der sie schreibt, und was das genau für eine Erfahrung ist, die ihr zuteil wurde, so sind diese Fragen gewiss nicht einem Formulierungsdefizit geschuldet, sondern der Eigenart des Mystischen selbst, das sich in Worten nicht oder nur unzureichend ausdrücken lässt.

    Der Philosoph Ludwig Wittgenstein stellt in seinem berühmten „Tractatus“ fest: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische…“ und schließt mit den Worten: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Und dennoch mag es eine weitere Eigenart solch mystischer Glaubens- und Glückserfahrungen sein, dass man ein besonderes Bedürfnis hat – so unmöglich das auch sein mag -, sie in Worten auszudrücken, um andere Menschen dadurch mittelbar an ihnen teilhaben zu lassen.

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  • Gottessehnsucht

    Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir, mein ganzer Mensch verlangt nach dir, aus trockenem, dürren Land, wo kein Wasser ist.“

     (Psalm 63,2)

    Wie kann man sich nur so sehr nach Gott sehnen! Ist das nicht erstaunlich – solch eine Sehnsucht? Nun ja, diese Worte sind auch uralt. Vielleicht war das mit Gott und den Menschen damals irgendwie anders. Und ob der Beter das wirklich so meinte? Wäre es nicht näher liegend, sich nach etwas Konkretem zu sehnen oder um etwas zu bitten, das mir in meiner Not gerade fehlt? Aber vielleicht musste der Beter das ja so sagen – warum auch immer. Vielleicht, um Gott zu ehren? Oder um ihm einen Gefallen zu tun? Aber hätte Gott das tatsächlich nötig? Ein allmächtiger Gott ist auf solche Ehrerbietung doch bestimmt nicht angewiesen.

    Die Worte klingen so eindringlich und unmittelbar, dass sie nur aus tiefstem Herzen kommen können. So spricht nur, wer sich in einer echten existentiellen Not befindet. Ehrerbietung klingt anders. Da leidet tatsächlich jemand unter seiner Sehnsucht, unter seinem Durst nach Gott.

    Aber positiv gewendet: Der Beter muss eine Ahnung, eine Vorstellung von der Erfüllung seiner Sehnsucht haben. Oder mehr noch: Er hat Gottes Gegenwart bereits erfahren – vielfach und als etwas Wunderbares. Ja, er rechnet mit Gott, der für ihn das Ziel seiner Sehnsucht ist.

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  • Lichte Erlebnisse

    Es dauerte nur kurz oder buchstäblich wenige Augenblicke, es war nicht willentlich herbeigeführt, sondern geschah ohne erkennbaren Anlass: ein starkes, unvergleichliches Gefühl tiefen Glücks, auch von Geborgenheit, Zartheit und Dankbarkeit, teilweise verbunden mit einer Art Gewissheit, dass ich in Hinblick auf die Endlichkeit meines Erdendaseins keine Sorgen geschweige denn Angst haben muss.

    Das ist mir dreimal passiert, zumindest soweit ich mich erinnere. Immer etwas verschieden. Beim ersten Mal, ich war vielleicht 13 oder 14 und saß im Auto, überwog das Gefühl der Gelassenheit – die ich damals ziemlich nötig hatte. Die anderen beiden Male waren vor wenigen Jahren. Ich saß im Zug und schaute aus dem Fenster, bis mir vor Glück und Dankbarkeit die Tränen kamen. Und einmal lag ich tagträumend auf dem Bett, nachdem ich vorher den Rosenkranz gebetet hatte.

    Es waren Momente der Klarheit, des intensiven Erlebens, und auch wenn es vor meinen Augen nicht heller wurde, bringe ich diese Momente im übertragenen Sinne mit „Licht“ in Verbindung. Zwei Menschen, denen ich davon erzählte, berichteten mir ihrerseits, dass sie als Kind Ähnliches erlebt hatten. Beim Zähneputzen sei plötzlich das Licht angegangen – nicht das elektrische Licht, sondern ebenfalls in einem übertragenen Sinne – oder ein Sonnenstrahl habe sie getroffen.

    Die geschilderten Erlebnisse waren kurz, aber von nachhaltiger Wirkung, weil ich mich sehr gern und bewusst an sie erinnere. Ich weiß noch heute die genaue Stelle, an der mir während der sonst ereignislosen Autofahrt diese Erfahrung vergönnt war. Soweit ich das rückblickend noch beurteilen kann, hatte ich kein eingeschränktes Zeitempfinden, wie es mit mystischen Erfahrungen in Verbindung gebracht wird.

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  • Durst und Dynamik

    Durst kennt jeder. So ein elementares Gefühl muss man niemandem erklären. Was dagegen hilft? Trinken natürlich! Einfach den Hahn aufdrehen, schon kommt Wasser raus. Ist besser als süße Limonade, erkläre ich meiner Tochter. Davon möchte man immer mehr trinken.

    Durst als Leidensdruck und (Lebens-)Bedrohung gibt es in unseren Breiten ohnehin nicht. Gott sei Dank. In der Wüste dagegen, in Hitze und Wasserknappheit, bedeutet Durst zu haben, etwas ganz Anderes. Da ist auch das Bewusstsein ausgeprägter: Wasser ist lebensnotwendig!

    Jesus verwendet dieses Bild. Er kennt seine Zuhörer – und die Bilder, mit denen er ihre Herzen erreicht, Sehnsüchte berührt und in Worte kleidet. Die Samaritanerin am Brunnen bittet er, ihm zu trinken zu geben, um ihr wenig später von einem ganz anderen, lebendigen Wasser zu erzählen, das er ihr geben kann:

    Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt“ (Joh 4,14).

    Jesus spricht von einem Wasser, das auch meinen Durst löscht, der ich nie körperlich unter Durst gelitten habe: Er meint meine Sehnsucht, das, was mein Herz unruhig sein lässt, mir manchmal sogar den Schlaf raubt.

    Aber wie passt das zusammen: Die von Gott in mich gelegte Sehnsucht und ein lebendiges Wasser, das Jesus mir verspricht, von dem ich niemals mehr Durst haben werde? Mache ich nicht die Erfahrung, dass sich immer wieder ein neues Verlangen auftut, dass nach Erfüllung der einen Sehnsucht eine neue entsteht? Ist meine Sehnsucht nicht etwas Unstillbares? Und wäre das überhaupt erstrebenswert, so sehnsuchtslos zu sein?

    Die Samaritanerin missversteht Jesus zunächst. Sie bittet ihn um sein lebendiges Wasser, damit sie sich zukünftig den mühsamen Weg zum Brunnen sparen kann. Ja, warum tut sie sich so schwer zu begreifen, was Jesus meint? So denke ich. Ist doch offensichtlich, möchte ich ihr zurufen, dass mit dem „lebendigen Wasser“ nicht das Wasser im Brunnen gemeint ist!

    Aber ist mir so klar, was Jesus mit dem „lebendigen Wasser“ tatsächlich meint – nur weil ich mehr über ihn zu wissen glaube als die Samaritanerin? Könnte es nicht sein, dass meine Vorstellung vom lebendigen Wasser, das Jesus auch mir verspricht, noch viel zu klein gedacht ist; dass sein lebendiges Wasser meine kühnsten Erwartungen übersteigt – weil es meinen Durst so ganz anders löschen wird, als ich mir jetzt vorstellen kann?

    Jesu Zusage gilt. Das lebendige Wasser, das er mir verspricht, löscht meinen Durst – aber anders als ich es vielleicht erwarte oder mir wünsche. Es löscht meinen Durst, indem es ihn zu etwas Dynamischem werden lässt. Das Wasser, das er mir gibt, „lässt mich selbst zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt“ (Joh 4,14). Leben mit Jesus, Leben, das sich aus seinem lebendigen Wasser speist, ist auf Dynamik hin angelegt. Sein Wasser verändert mich und lässt mich selbst durch die von ihm in mich gelegte Sehnsucht zur Quelle lebendigen Wassers für andere werden. Er hält viel Größeres für mich bereit als nur keinen Durst, keine Sehnsucht mehr zu haben.

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  • Wie sich Gott finden lässt

    Welche Wege gibt es, Gott zu finden? Diese Frage haben sich Menschen immer wieder gestellt, wenn sie sich nach Gott gesehnt, nach einer intensiven Beziehung zu ihm gesucht oder sich schlicht nur Gedanken über ihn gemacht haben. Die Wege, Gott zu finden, sind sicherlich mindestens so zahlreich, wie es Menschen gibt. Drei dieser Wege, drei breite Schneisen, zwischen denen es auch Verbindungen gibt, möchte ich vorstellen.

    Der erste Weg ist der, den Menschen beschreiten, wenn sie danach fragen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, wie es Faust formuliert. Das ist vor allem, wenn auch nicht nur, der Weg der Naturwissenschaftler, der Astronomen, auch der Mathematiker und all jener, die der Frage nach dem Wesen unserer Welt, ihrer Entstehung, ihrem Funktionieren usw. nachgehen.

    Wer sich auf diesen Weg begibt, tut dies zumeist gerade nicht, weil er auf der Suche nach Gott ist. Und dennoch hat sich Gott auch auf diesem Weg finden lassen. Es ist das Staunen über die Schöpfung, ihre Großartigkeit, ihre Schönheit und auch über ihre Geheimnisse, die Menschen ergriffen und manch einen unverhofft zu Gott geführt hat. Vielleicht das Staunen darüber, dass das Universum gerade so beschaffen ist, dass es Leben, ja dass es uns Menschen gibt, die es beobachten können – denn physikalisch gesehen wäre auch eine andere Realisierung des Universum denkbar. Stichwort „anthropisches Prinzip“.

    Der zweite Weg ist ein altbewährter mit langer Tradition. Es ist der Weg der Askese, des bewussten Verzichts, der Kontemplation. Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass sich auf diese Weise besondere Erfahrungen der Nähe Gottes einstellen können. Wer schon mal eine Zeit lang gefastet hat oder überhaupt bewussten Verzicht geübt hat, wird vielleicht gespürt haben, wie die Sinne und wie der Geist insgesamt empfänglicher werden, nicht nur, aber auch für die unsichtbare Gegenwart Gottes.

    Beispiele für diesen Weg sind die Klöster und allgemein das monastische Leben. Auch dieser Weg ist zwar keine Garantie auf eine intensive Gotteserfahrung, doch kann er den Boden bereiten für eine bewusstere und erfüllende Begegnung mit Gott.

    Und schließlich der dritte Weg: Es ist der, wie ich finde, schönste, weil am einfachsten zu beschreitende Weg, auf dem zu gehen, ich ohne großen Aufwand schon heute beginnen kann. Es ist der Weg der Dankbarkeit. Auch dieser Weg ist uralt und bewährt. Schaut man in die Bibel, so legen die zahlreichen Dankpsalmen ein beredtes Zeugnis ab von diesem Weg, Gott zu finden. Seinerzeit war für den frommen Juden das Danken etwas so Unverzichtbares, so Notwendiges zum Leben wie das Atmen. Er konnte gar nicht anders, als Gott zu danken und ihn zu loben. Dank war nicht Etwas, das es Gott gleichsam pflichtschuldig zu entrichten galt, so wie man ein kleines Kind dazu anhält, „Danke“ zu sagen, wenn es etwa beim Einkaufen von der Verkäuferin einen Bonbon geschenkt bekommt.

    Der Psalmist dankt, weil es ihm gut tut, weil er gar nicht anders kann und nicht etwa, um zu bewirken, dass Gott ihm wohlgesonnen und zugewandt bleibt. Gott wäre nicht Gott, wenn er auf unser Danken angewiesen wäre. Und erst recht nicht macht Gott seine Liebe und Güte gegenüber uns davon abhängig, ob wir danken. Aber wir dürfen Gott danken. Es tut gut, das zu tun, auch wenn dem modernen Menschen, für den Danken vor allem ein Teil der Höflichkeit und der Etikette ist, dafür etwas das Gespür abhanden gekommen ist.

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  • Sehnsucht nach mehr

    Sehnsucht nach mehr – ist das so erstrebenswert? Immer mehr und mehr und noch mehr – kann das gut gehen? Vielleicht ist es besser, mich früh genug darin zu üben, mir die Sehnsucht abzugewöhnen. Zufrieden sein mit dem, was ist. Was kann an einer „Sucht“ schon gut sein?

    Und da ist die Angst, dass die Wirklichkeit irgendwann auf meinen Träumen herumtrampelt, auf meiner Sehnsucht. Das ist schmerzhaft. Dann doch lieber keine Träume und die Sehnsucht klein halten? Oder vielleicht ein kontrolliertes Sehnen? Nur so viel, dass ich nicht enttäuscht werden kann und sich meine Seele keine allzu großen Schrammen einfängt.

    Weiß gar nicht, nach was ich Sehnsucht habe und ob überhaupt. Bin, glaube ich, ganz zufrieden mit meinem Leben, dem Hier und Jetzt. Habe alles, was ich brauche. Ich habe keine Sehnsucht – oder zumindest komme ich selten dazu, darüber nachzudenken. Warum sollte ich das auch tun, so ohne Anlass? Und was mag da zum Vorschein kommen, wenn ich tief in mich hineinhorchen würde? Ungewiss. Könnte mein Gleichgewicht stören, mich aus der Ruhe bringen. Oder Schlimmeres. Außerdem klingt „Sehnsucht“ irgendwie zu ernst, zu schwer. Da fehlt mir die Leichtigkeit.

    Manchmal spüre ich aber, dass mir etwas fehlt. Was da fehlt? Schwer zu sagen. Vielleicht ist „fehlen“ auch ein zu starkes Wort. Ist es nicht eher ein Unbefriedigt-Sein? Ein Gefühl, dass mein Leben – ich bin gesund, leide keine materielle Not, kann nicht klagen – trotzdem irgendwie eine Unwucht hat? So ein „Das-kann-doch-nicht-alles-sein“-Gefühl?

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